Tous les éditos > Evangelii gaudium (Deutsch) (01/01/2014)


Liebe Schwestern und Brüder im Bistum Lüttich!

Das neue Jahr lädt uns zur Hoffnung ein; denn trotz aller Prüfungen im Weltgeschehen oder in unserem eigenen Leben eröffnet Christus uns einen Horizont der Hoffnung.

Ich habe das im Gefängnis von Lantin erfahren, als ich es Anfang November mit der Seelsorgeequipe besucht habe. Sie stellt mir einen jungen und dynamischen jungen Mann vor. Er darf nur selten seine Zelle verlassen und hat nicht die Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen. Wie über die Einsamkeit und die Absonderung hinwegkommen? Er hat ein Zwei-Monate-Projekt ausgetüftelt: eine Weihnachtskrippe basteln. Ich bin erstaunt, dass er an Allerheiligen bereits an Weihnachten denkt. Er antwortet mir, dass er ab sofort damit anfangen muss, alle dafür notwendigen Teile zusammenzusuchen. Es ist nämlich nicht selbstverständlich, da man oft lange auf das auf einer Einkaufsliste Angekreuzte warten muss. Aber der Mann war von seinem Vorhaben überzeugt und machte bereits die Pläne seiner Krippe. Jesus zur Welt kommen lassen in einer Gefängniszelle oder in einem verwundeten Herzen oder um seine Freude auszustrahlen. Das beseelt  diesen Mann. Der als armes und ausgegrenztes Kind geborene Jesus ist ein echtes Symbol von Hoffnung, von Lebensperspektive. Diesen Schatz haben wir empfangen; ihn feiern wir an Weihnachten. Es ist tatsächlich ein Geheimnis, das wir mit anderen teilen sollen!

Am 1. Januar 2014 begehen wir den 47. Weltfriedenstag. Da wird uns das Teilen unserer Weihnachtsfreude ermöglicht. Papst Franziskus schlägt für diesen Tag als Thema vor: Brüderlichkeit als Weg zum Frieden. Er unterstreicht die Tatsache, dass „die anderen als Konkurrenten oder Feinde und nicht als Mitmenschen wahrgenommen werden. Nicht selten werden die Armen als Last empfunden; sie werden nicht mehr als Brüder oder Schwestern angesehen, die zu Akteuren ihrer ganzheitlichen Entwicklung berufen sind.“ Deshalb ist die Brüderlichkeit notwendig; sie ist Gabe und Aufgabe, die von Gott kommen. Der Aufruf des Papstes findet ein ausdrückliches Echo in Lüttich; denn wir organisieren einen Friedensmarsch, an dem Christen, Muslime und Mitglieder anderer Religionen und Weltanschauungen teilnehmen. Er ist ein Zeichen des Friedens im Herzen der Stadt; nach den Neujahrsfeiern ist er ein Ruf nach Gerechtigkeit. So können wir zum Aufbau einer Zivilisation der Liebe beitragen, wie Johannes Paul II. sie herbeisehnte.

Papst Franziskus hat vor kurzem ein Apostolisches Schreiben unter dem Titel Evangelii Gaudium (Die Freude des Evangeliums) veröffentlicht. Dies ist eine äußerst wichtige Verlautbarung im Blick auf die Pastoral. Wir werden noch darauf zurückkommen. Ich hebe kurz jene Punkte hervor, die mir besonders aufgefallen sind: das Anprangern der Diktatur der Finanz- und Wirtschaftswelt; die Ausschließung von Arbeitnehmern und die so verursachte soziale Ungleichheit; die Kritik an einer Kirche, die auf sich selbst zentriert ist anstatt eine Haltung des Aufbruchs anzunehmen; die versucht ist, weltlich („säkular“ zu sein und sich in der ostentativen Pflege der Liturgie oder in einem bürokratisch geprägten pastoralen Verhalten gefällt; die versucht ist, sich nicht um die Armen zu kümmern auf die Gefahr hin, den Glauben aufzuweichen. Man muss andererseits genauso den optimistischen und prophetischen Ton dieses Schreibens in Bezug auf das Eintauchen des Christen in der heutigen Kultur der Kommunikation und in der neuen Stadtkultur unterstreichen; ebenso seine Sorge, dass über den Prediger die Homilie zum Werkzeug des Dialogs zwischen Gott und seinem Volk wird; seinen Willen, das ganze Volk Gottes in die Verkündigung des Evangeliums einzubeziehen; und schließlich seinen Wunsch nach sozialer Gleichheit, nach sozialem Frieden im Lichte einer „Weltregierung“.

Für unsere Kirche wird das Jahr 2014 durch die für Oktober einberufene Bischofssynode zum Thema Familie geprägt werden. Der Papst regt eine breite Anhörung aller Christengruppen an. Wir wissen um die schwierige Situation der Familien in unserer Gesellschaft. Viele Paare trennen sich; Partner driften in das Alleinsein oder werden zu Alleinerziehenden; ältere Menschen werden alleingelassen; Kinder müssen sich allein „durchschlagen“. Die Familie ist und bleibt jedoch die Wiege der Liebe, der persönlichen Entwicklung und der Beziehungsfähigkeit. Sie ist auch ein bevorzugter Ort der Weitergabe oder Vermittlung des Glaubens. Es gibt Länder auf der Welt, wo die Ehe fast verschwunden ist. Wie kann und soll man das Familienleben aufwerten? Wie kann und soll man den in einer nicht regulären Situation Lebenden ihren Platz in der Kirche geben? Wie hier barmherzig sein und wie die mütterliche Dimension der Kirche entfalten? Das sind einige der Herausforderungen an die Kirche, die sie im Licht des Evangeliums erhellen und deuten muss.


Allen wünsche ich ein gutes neues Jahr
voller Freude und Glück,
voller Brüderlichkeit und geistlichem Leben!
Die Worte des Herrn an Mose drücken dies gut aus:
Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.
Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.
(Num 6,24ff)



Ihr Bischof
+ Jean-Pierre Delville



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