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Tous les éditos > Predigt vom 4. Ostersonntag - Sankt Egidiusgemeinschaft Würzburg (D) (17/04/2016)


Predigt vom 4. Ostersonntag


Sankt-Egidiusgemeinschaft, 17. April 2016


(Jn 10,27-30)


 


Liebe Brüder und Schwestern,


 


dieser 4. Ostersonntag steht im Zeichen der Person Jesus, dem guten Hirten. Dies ist eine großartige Gelegenheit, um den Jahrestag der Sankt-Egidiusgemeinschaft hier in Würzburg zu begehen. Jesus versteht sich in der Tat als Hirte, der seine Schafe persönlich kennt, der sie leitet und ihnen das ewige Leben gibt. Er bittet uns auch Hirten nach seinem Vorbild zu sein; so spricht er nach seiner Auferstehung zu Petrus: « Weide meine Lämmer, weide meine Schafe. »


 


Die Sankt-Egidiusgemeinschaft möchte dieser Botschaft Jesu folgen. Jedes Mitglied versucht, nach dem Vorbild von Jesu, ein guter Hirte zu sein, indem er zum Freund der Armen wird. Wie Andrea Riccardi, der Gründer unserer Gemeinschaft, feststellte, gibt es keinen noch so armen Menschen, der nicht einem noch Ärmeren helfen könnte. Jeder kann der Hirte eines anderen sein.


 


Um der Hirte eines anderen zu sein, muss man diesen persönlich kennen. Jesus sagt im vierten Evangelium, dass der Hirte jeden einzelnen Namen seiner Schäfchen kennt. So versucht man auch in der Sankt-Egidiusgemeinschaft jeden Einzelnen mit Namen zu kennen, vor allem den der Armen. Wenn wir auf der Strasse einen Armen treffen, der um ein Almosen bittet, genügt es nicht ihm eine Münze zu geben; es ist wichtig ihn anzuschauen und nach seinem Namen zu fragen. Die Person wird über diese persönliche Aufmerksamkeit erfreuter sein, als über das erhaltene Geldstück.


Ich bin einmal in Eile durch Lüttich gegangen, ohne jemanden anzuschauen. Niemand hat mich erkannt; doch auf einmal hörte ich jemanden rufen: « Guten Tag, Herr Bischof! ». Ich drehte mich um und sah einen Bettler, der mich breit anlächelte. Er nannte mich bei meinem Namen ; also fragte ich nach seinem. Darauf antwortete er: ich heisse Pierre! Seither sind wir Freunde geworden, und Pierre kommt gelegentlich vorbei zum Kapitelsaal, wo wir einen Umtrunk / Empfang nach gewissen Messen veranstalten!


 


Jesus sagt uns, dass der gute Hirte seine Schafe rettet und ihnen das ewige Leben schenkt. Auch heute möchten viele vor dem Bösen errettet werden und das ewige Leben empfangen.  Dies bemerken wir vor allem im Umgang mit den Flüchtlingen und den terroristischen Vorkommnissen. Ich möchte hierzu heute über ein Ereignis sprechen, das mich als Bischof von Lüttich zutiefst berührt hat: es handelt sich um das Doppelattentat, das am 22. März im Brüsseler Nationalflughafen und in einer U-Bahnstation stattfand und bisher 34 Todesopfer und mehr als 300 Verletzte gefordert hat. Es handelte sich um die Verzweiflungstat eines Selbstmordkommandos, einer kleinen Gruppe von Terroristen, die bereits am 13. November 2015 in Paris eine schreckliche Tat begangen haben und die, kurz vor ihrer Entdeckung, wieder zuschlagen wollten. Am Flughafen nahmen die Terroristen willentlich eine Gruppe Juden und eine Gruppe Kinder ins Visier; in der U-Bahnstation in der Nähe der Einrichtungen der Europäischen Union töteten sie willkürlich Passanten.


Wenn ich an die Attentäter denke, bin ich von ihrer Entschlossenheit betroffen, die in Blindheit umschlug. Terroristen wollen die größtmögliche Zahl an unschuldigen Opfern treffen; sie wollen eine Hassreaktion hervorrufen und unsere Gesellschaft spalten. Sie wollen auch einen Krieg zwischen Muslimen hervorrufen, indem sie die einen aufrufen Ihrer Sache zu folgen und die anderen auf Grund ihrer Laxheit stigmatisieren. Dieses Übel erklärt sich teilweise durch das Gefühl der Ausgrenzung, durch erlebte Ungerechtigkeiten hier und auf der ganzen Welt. Aber man fühlt auch, dass sich mysteriöse bösartige Kräfte in das menschliche Herz einschleichen. Also müssen wir auf Provokation und Kriegstreiben mit den Waffen der Gerechtigkeit und des Glaubens reagieren. So organisierten wir in Lüttich am Abend des 22. März mit der Sankt Egidio Gemeinschaft ein Gebet im Gedenken an die Opfer und für den Frieden in unserer Welt. Eine Abordnung muslimischer Führer nahm an diesem Gebet teil. Diese Geste gab dem Gebet einen besonderen Wert. Ich war zutiefst bewegt, da sich diese Menschen spontan dem Gebet anschlossen; wir hatten keine Zeit persönliche Einladungen zu versenden.


 


Letzten Mittwoch durfte ich an einem interreligiösen Austausch teilnehmen, der von der muslimischen Gemeinschaft Lüttichs organisiert wurde. An diesem Austausch nahmen mehrere Konfessionen und Nationalitäten teil: Juden, Katholiken, Protestanten und Muslime, türkische Mitbürger, Tunesier, Algerier, Syrer, Bosnier und Marokkaner. Dies war ein schöner Moment der Begegnung und des Gebetes in gegenseitigen Einvernehmen. Dialog und brüderlicher Umgang sind die Argumente / Waffen eines guten Hirten ; dies ist die richtige Art und Weise die Botschaft des Evangeliums, über kulturelle und religiöse Grenzen hinaus, zu verbreiten. Es ist ein Charisma der Gemeinschaft Sankt-Egidius, das jedem Menschen die Tür zum ewigen Leben öffnet und die Armen aus den Höllen dieser Welt befreit. In diesem Zusammenhang konnte die Gemeinschaft von Sankt-Egidius im letzten Monat einen humanitären Korridor zwischen dem Libanon und Italien öffnen, um syrischen Flüchtlingen eine sichere und legale Einreise nach Europa zu ermöglichen, und ihnen so die Zerreißprobe einer gefährlichen Überquerrung des Mittelmeeres zu ersparen.


 


Abschließend möchte ich betonen, dass der gute Hirte jemand ist, der ein Wort des Heils überbringt, auf Grund dessen seine Schafe auf seine Stimme hören. Wir haben in der ersten Lesung gehört, wie Paulus und Barnabas gute Hirten für die Menschen waren, die sie in Antiochien, Pisidie, antrafen. Ihre Botschaft hat viel Erfolg: sie sprechen in den Synagogen und viele Juden folgen ihnen. Andere wiederum widersetzen sich ihnen. So wenden sie sich an die Heiden und sind sehr erfolgreich. Wie kommt es zu diesem Erfolg? Worüber reden sie?... Über die Gnade Gottes ; über das Wort Gottes, das ewige Leben, das « Heil, das die entlegensten Gegenden der Erde erreicht ». Es gibt also einen enthusiastischen Vorschlag, der über die üblichen Grenzen der Völker, der Kulturen, der Mentalitäten, der Einstellungen, der Gewohnheiten,... hinaus geht! Dies ist immer noch aktuell. Viele unserer Sorgen sind oft unmittelbar vor Ort; manchmal ertrinken wir in Sorgen, manchmal füllen wir uns allein mit unserem Leben. Hier öffnet der heilige Paulus einen weiten Horizont: es ist Gott, der spricht, sagt er. Dies geht über unser Wort hinaus; wir erhalten eine Botschaft und verlassen unsere Einöde / Isolation. Gott erscheint als Hirte, ein Vater, jemand, der uns kennt und sich um uns kümmert. Die Botschaft von Paulus und Barnabas ist missionarisch; sie erreicht die Ohren derer, die am Rande der Gesellschaft leben.


 


Dies ist, was Papst Franziskus von uns verlangt, wenn er die Freude des Evangeliums in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium und seiner letztlich erschienenen Mahnung / Exhortation Amoris laetitia, « die Freude der Liebe » betont.


Das tat er auch diesen Samstag bei seinem Besuch der Insel Lesbos mit dem ökumenischen Patriarchen Bartholomäus, um die Aufnahme von Flüchtlingen in Europa anzuspornen und zu fördern. Dies ist es, was auch unsere Gemeinschaft, hier in Würzburg und welweit, in ihrer Verkündigung des Evangeliums macht.


 


Deshalb, liebe Brüder und Schwestern, brauchen wir Jesus, den guten Hirten. Lasst uns also beten, dass der Herr seiner Kirche Hirten sendet, dass er Menschen zu Hirten berufe! Beten wir für die Sankt-Egidius Gemeinschaft, damit sie ihrer Aufgabe als Hirte der Armen treu bleibt. Und lasst uns beten, damit ein Jeder von uns der gute Hirte seiner Brüder und Schwestern sei!


 


+ Jean-Pierre Delville,


 


Bischof von Lüttich



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