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Tous les éditos > Wort des Bischofs - Die Barmherzigkeit in Lüttich: ein Zeitsprung von 1602 bis 2016 (Ed. 03-04.2016) (25/02/2016)


 


Die Barmherzigkeit in Lüttich: ein Zeitsprung von 1602 bis 2016


 


 


Liebe Brüder und Schwestern,


 


 


Durch einen glücklichen Zufall konnte die Bibliothek des Lütticher Seminars ein Buch aus dem 16. Jahrhundert erwerben, auf dem eine Werbung des Lütticher Druckers Arnold de Corswarem aus dem Jahre 1602 geklebt ist mit folgendem Wortlaut: « Soyez misericordieux, comme aussi vostre Pere est misericordieux » (« Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist »). Dies ist der genaue Wortlaut unseres heiligen Jahres, das von Papst Franziskus ausgerufen wurde.


 


Dieser Satz muss den Drucker so berührt haben, dass er ihn zu seinem Leitspruch machte. Aus Versehen vermerkt er Lukas 5; in Wirklichkeit handelt es sich um Lukas 6, Vers 36! Es mangelte wahrscheinlich an guten Optikern in Lüttich! Der Drucker verwendet die Übersetzung der Bibel der Theologen aus Löwen, erschienen im Jahre 1574, die keine geringere als die Bibel Calvins ist, die durch die katholische Kirche überarbeitet wurde. Unter dem Titel sieht man das Jesuitenlogo mit der strahlenden Sonne, in deren Mitte das Kürzel von Jesus (IHS) geschrieben steht. In der Tat stand der Verleger im Dienst der Jesuiten, die sich in Lüttich in einer neuen Glaubensgemeinde seit dem Jahr 1581 angesiedelt haben. 


 


Das Buch, auf dem das Etikett geklebt ist, heißt übrigens ‘Meditations tres-devotes, de l’Amour de Dieu’ (‚Sehr fromme Meditationen über die Liebe Gottes‘), eine Übersetzung des spanischen Originals, und wurde 1586 in Paris durch Guillaume Chaudière verlegt. Der Autor, Diego de Estella (1524-1578), Neffe des heiligen Jesuitenpaters Franz Xaver, war Franziskaner und Humanist mit erasmischer Tendenz, der von der Inquisition verdächtigt wurde, und Autor eines vollständigen Kommentars des Evangeliums nach Lukas (Enarrationes in Lucam, 2 vol., Salamanca, 1574). Er hat den Heiligen Franziskus zu dessen berühmter ‚Abhandlung über die Liebe Gottes‘ inspiriert (1616). So kommt es zu einer ungewöhnlich friedvollen Verbindung zwischen Calvin, den Jesuiten, der Universität Löwen, einem Lütticher Drucker, einem spanischen Mystiker und einem französischen Geistlichen; und das alles während der Religionskriege.


 


Ich bin beeindruckt von der Wirkung dieser Worte Jesu, die vor 400 Jahren verwendet wurden und heute wieder aktuell sind. Sie erinnern uns daran, dass die Barmherzigkeit Gottes an erster Stelle steht; sie lassen uns Ängste und Streitigkeiten überwinden und führen uns zum Frieden. Lasst uns nun während der Fastenzeit darauf zurückkommen. Papst Franziskus (Botschaft zur Fastenzeit 2016), rät uns, diese Zeit zu einem Höhepunkt im Jahr der Barmherzigkeit zu machen. Zunächst erinnert er uns an die 24 Stunden für den Herrn, die vom 4. bis 5. März stattfinden, und die im Bistum, vor allem in Lüttich selbst, mit vielen Aktivitäten hervorgehoben werden. Dann sagt er: « Die Fastenzeit in diesem Jubiläumsjahr ist also für alle eine geeignete Zeit, um durch das Hören auf Gottes Wort und durch Werke der Barmherzigkeit endlich die eigene existenzielle Entfremdung zu überwinden » (3, §3). Also befreit uns das Hören des Wort Gottes von unserer Entfremdung, um die Werke der Barmherzigkeit auszuüben; diese sind materieller und spiritueller Art. Der Papst zählt sie auf: « Wenn wir durch die leiblichen Werke das Fleisch Christi in unseren Brüdern und Schwestern berühren, die bedürftig sind, gespeist, bekleidet, beherbergt und besucht zu werden, dann berühren die geistigen Werke unmittelbarer unser Sünder-Sein: beraten, belehren, verzeihen, zurechtweisen, beten. » (3, §3).


 


Lasst uns diese Einladung in die Tat umsetzen, damit die Barmherzigkeit Gottes in unser aller Leben Realität werde!


  


Ihnen allen eine besinnliche Fastenzeit


 


und einen friedvollen Weg nach Ostern !


 


 


+ Jean-Pierre Delville, Ihr Bischof


 



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