Notre évêque nous parle

Tous les éditos > Gebetsstunde in der Kathedrale (Abstimmung über die Euthanasie bei Minderjährigen) (11/02/2014)


Gebet angesichts des bevorstehenden Gesetzes zur Euthanasie bei Minderjährigen


Grußwort und Predigt von Hochwürden Jean-Pierre Delville, Bischof von Lüttich


11. Februar 2014


 


Brüder und Schwestern, willkommen zu dieser Gebetsstunde angesichts des bevorstehenden Gesetzes zur Euthanasie bei Kindern. Danke für eure Anwesenheit! Dieses Gebet schließt andere Kirchen mit ein, die durch Vater Nikolaos von der griechisch-orthodoxen Kirche vertreten sind. Vater Guy Fontaine, Subdiakon Fikri Gabriel, Pastor Vincent Thonon und Reverend Paul Yiend sind heute entschuldigt. Ich danke dem Kathedralenkapitel und ganz besonders Dechant Armand Beauduin, uns hier zu empfangen.


Die Bischöfe von Belgien haben eine Pressemitteilung über das Gesetz zur Euthanasie bei Kindern veröffentlicht und vorgeschlagen, im Hinblick darauf gemeinsam zu fasten und zu beten, um das Gewissen der Menschen zu erleuchten und das Bewusstsein hinsichtlich der Auswirkungen dieser Thematik zu mobilisieren.


Hier in Lüttich haben wir bewusst diesen Fast- und Bettag auf den 11. Februar gelegt, dem Krankenwelttag und dem Fest unserer Lieben Frau von Lourdes. Es ist auch der Gedenktag der 5. Erscheinung von Banneux, als die Jungfrau Maria 1933 zu Mariette sprach: „Ich komme, um das Leiden zu lindern.“ Möge unser Gebet heute Abend auch dazu beitragen, das Leiden zu lindern!


 


 


Liebe Brüder und Schwestern,


Danke, dass ihr zu dieser Gebetsstunde so zahlreich erschienen seid !


Es schien mir in der Tat wichtig, uns zum Ende dieses Fastentages zu einem Gebet im Hinblick auf die Verabschiedung des Gesetzes zur Euthanasie bei Minderjährigen zu versammeln. Das Gebet bringt uns all denen näher, die leiden. Es verhilft uns, uns in die Lage derjenigen, die sich in Not befinden, zu versetzen. Es vereint uns auch als christliche Gemeinschaft und hilft uns, uns gegenseitig zu unterstützen. Es erleuchtet unser Gewissen und nähert unsere Standpunkte einander an. Das Gebet appelliert an Gott, der über unsere Stärken im Einzelnen hinausgeht und seine Stärke an uns weitergibt. Gott handelt nicht in magischer Weise, sondern durch das Gewissen der Menschen. Wenn wir zu ihm beten, räumen wir ihm einen Platz ein, damit er die Welt um uns erleuchte und sie durch uns gerechter mache. Darum möchten wir gemeinsam beten im Hinblick auf das bevorstehende Gesetz zur Euthanasie bei Minderjährigen.


Rein rational gesehen, scheint uns ein solches Gesetz effektiv unnütz, denn seit 2005 zeigt die Erfahrung in den Niederlanden, dass nur sehr wenige Fälle auftreten. Diese können also auch ohne spezifisches Gesetz zu dieser Thematik gelöst werden. Zahlreiche Kinderärzte haben diesen Standpunkt vor Kurzem bestätigt. Angesichts des großen Leidens, welches das Lebensende begleitet, bieten die Palliativpflege und schmerzlindernde Mittel nunmehr die Möglichkeit eines würdevollen Todes und einer engen Begleitung in medizinischer und menschlicher Hinsicht. Außerdem verletzt diese Art von Gesetz den Respekt vor dem menschlichen Leben und öffnet in Zukunft die Tür zur Euthanasie von verletzlichen Personen wie Demenzkranke, Geisteskranke, Menschen mit einer Behinderung, Häftlinge in Gefängnissen. Anstatt dass die Solidarität rund um kranke oder verletzliche Personen gefördert wird, werden nun womöglich Misstrauen und Ablehnung hervorgerufen. Der Solidarität wird Sterbehilfe geleistet! Schlussendlich wird mit einem solchen Gesetz über die Euthanasie der Begriff selbst der menschlichen Würde verändert. Diese würde nun nicht mehr vom menschlichen Wesen abhängen, sondern von der Einschätzung dieser Würde – ein rein subjektives Urteil, das durch den Begriff „Entscheidungsfreiheit“ gedeckt wird.


Wenn unser Verstand dies alles bereits aufgedeckt hat, so führt uns unser Glaube noch weiter. Er gibt uns eine grundsätzliche Orientierung zu den Themen Tod, Leben und Leiden. Dies geht aus dem berühmten Passus des Evangeliums nach Lukas hervor, der Begegnung von Jesus mit zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus (Luk 24, 13-35). Im Evangelium nach Lukas geschehen alle wichtigen Dinge auf einem Weg, auf der Straße, sei es das Gleichnis des guten Samariters, das des verlorenen Sohnes oder die Geschichte der Jünger von Emmaus. Auf diesem Weg erklärt Jesus geduldig den Jüngern das Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung. Er führt sie schrittweise. So müssen auch wir uns von Jesus unter den heutigen Umständen erklären lassen, was er uns über das Leben und den Tod sagt. „Bleibe bei uns Herr; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“ Wenn wir ihm zuhören, merken wir, dass „es wie ein Feuer in unserem Herzen brannte, als er unterwegs mit uns sprach und uns den Sinn der Heiligen Schriften aufschloss“. So müssen auch wir nun unsere Zeitgenossen Schritt für Schritt führen, um ihnen den Sinn des Lebens, das stärker ist als der Tod, zu erklären. So lässt uns der Herr heute Abend Schritte der Menschlichkeit, nie zuvor gemachte Schritte im Hinblick auf ein völlig neues Gesetz machen. Das Wort Christi ist unterschiedlich von der menschlichen Logik. Es lässt sich nicht zu Fatalismus oder Pessimismus hinreißen, die in unserer Gesellschaft oft vorherrschen, so wie damals in den Herzen der Jünger von Emmaus.


Schneller als diese letzteren, sind es die Frauen, Jünger Jesu, die die Kraft des Lebens verstanden haben. „Sie waren heute früh zu seinem Grab gegangen“, sagten die Jünger von Emmäus, „sie erzählten, sie hätten Engel gesehen, die hätten ihnen gesagt, dass er lebt.“ Die Frauen haben es schneller verstanden. Warum ? Weil sie mehr Mitgefühl hatten. Sie haben den ersten Schritt gemacht, um zum Grab zu gehen. Und sind früh aufgestanden! Sie haben die Solidarität von Anfang bis Ende gelebt, vom Kreuze bis zum Grabe. Und sie haben als erste die Auferstehung Jesu verstanden, d.h. das Leben Jesu über den Tod hinaus. Ich danke also ganz besonders den Frauen, die dieses Gebet vorbereitet haben! Aber lasst uns vor allem Maria Magdalena, Johanna und Maria sowie noch vielen anderen Frauen danken, dass sie uns diese gute Botschaft überbringen. Wie sie wollen wir uns über den Leib Jesu beugen, der heute in den kranken Kindern, die sich am Lebensende befinden, leidet sowie in den anderen kranken oder verletzlichen Personen. Lasst uns für sie beten; lasst uns die Solidarität leben mit denen, die in den Krankenhäusern pflegen - Ärzte, Krankenschwestern, das Personal - sowie mit den Familien, die die Kranken begleiten. So werden wir wie die Frauen aus dem Evangelium die Kraft des Lebens und der Erneuerung entdecken, die unser Glaube der Gesellschaft schenkt. Amen.



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